DIE KRAFT DER FRAGEN I

Es ist irgendwann in der Grundschulzeit passiert. Viele Jahre sind seitdem vergangen, aber immer noch erinnere ich diesen Moment als einen von denen, die dem Leben eine Richtung geben.
Der Pfarrer zitiert während eines Gottesdienstes die ersten Worte der Bibel: „Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“ Fast gleichzeitig taucht die Frage in mir auf, „Was ist vor dem Anfang?“ und lässt mich nicht mehr los.

Was ist vor dem Anfang? Wenn Gott Himmel und Erde, mithin alles, was ich kenne, erschuf, kann das, was vor dem Anfang liegt, weder zu Himmel noch zu Erde gehören. Wenn aber nicht in Himmel und Erde, wo könnte sich Gott dann aufhalten?

Wie kann man sich das vorstellen, was vor dem Anfang liegt?
Wie kann ich mir Gott vorstellen?

Es macht wenig Sinn, den Pfarrer oder meine Eltern um Hilfe oder Erklärungen zu bitten; ich muss alleine mit meinen Fragen ringen.

Konzentriert versuche ich mich vor den Anfang zu denken und Gott näher zu kommen. Gott, von dem ich nichts weiß, außer dass er ist, bevor Himmel und Erde wurden.

Ich entwickele Gedanken und Bilder und fühle sofort, dass sie keine Substanz haben. Wenn alles, was man sehen, berühren, riechen, schmecken, spüren, hören kann, es nicht ist, bleibt nur ein Nichts.
Aber was dann? Kein Wort, kein Gedanke, keine Vorstellung können das Nichts fassen. Es ist frustrierend und irgendwann auch befreiend.
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Meine Anstrengungen bleiben erfolglos und führen doch weiter. In der Erkenntnis, dass Denken das Gott/Nichts nicht erreicht, kommt dieses allmählich zur Ruhe. An seinen Rändern vorbei ahne ich die Präsenz einer ungeheueren, stillen und gleichzeitig vibrierenden Kraft.

Fremd und gleichzeitig vertraut. Sie ist wie nichts, das ich kenne und doch erkenne ich mich intuitiv in ihr. Wenn ich versuche, sie in den Fokus der Aufmerksamkeit zu zwingen, verschwindet sie. Wenn aber die Aufmerksamkeit weit und absichtslos wird, gibt es nur Präsenz und ich verschwinde. Es ist nicht möglich, darauf zu deuten, es zu benennen oder zu ignorieren. Unfassbare und gleichzeitig allgegenwärtige Stille, leer und erfüllend zugleich – der stille Grund, der auf paradoxe Weise doch alle Dinge hervorbringt. Ein Verstehen reift: wenn ich auch zu Himmel und Erde gehören mag, gehöre ich noch tiefer zu dem Nichts davor.

Ich hatte die Frage nach Gott gestellt und irgendwie eine Antwort darauf bekommen. Keine, die ich durch Worte mitteilen kann, aber trotzdem eindeutig und vollkommen. Ich weiß nichts, aber kenne Gott.

Damals habe ich etwas über die Macht einer guten Frage und die Begrenztheit des Denkens gelernt. Eine gute Frage hat die Macht, das Denken an seine Grenzen zu führen und uns für immer zu verändern. Sie befreit die Aufmerksamkeit aus konditionierten Fixierungen und lässt sie weit, offen und rezeptiv werden.

Eine Frage verlangt keine schnelle, intellektuelle Antwort, in der wir auf angesammeltes und übernommenes Wissen zurückgreifen. Im Gegenteil. Im besten Fall führt sie in die Stille und lässt uns dort, bis wir bereit sind, dem zu lauschen, was schon vor dem Anfang auf uns gewartet hat.

Eine gute Frage hat die Qualität eines Gebets und gibt dem Leben Tiefe und Ausrichtung. Es braucht Vertrauen ins Unbekannte sowie die Bereitschaft, Bekanntes zu opfern, um ihr treu sein zu können.
Schließlich ist es die Totalität des Seins, die uns antwortet, ja antworten muss, wenn sie unsere Ernsthaftigkeit und Unbedingtheit geprüft und als Geschenk angenommen hat. Dann zeigt sich, dass Frage und Antwort derselben Intelligenz entspringen.

Wer bin ich?
Was bleibt, wenn Raum und Zeit verschwunden sind?
Was will sich durch mich entfalten?
Wie möchte ich als menschliches Wesen ein?
Was ist meine tiefste Sehnsucht?

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